Wenn Kunden im Super-, Drogerie- und Baumarkt Artikel über den Scanner der Selbstbedienungskasse (SB-Kasse) ziehen, wisen sie eins oft nicht: Ihr Verhalten wird womöglich genau überprüft. Und kommt es beim Scannen zu Fehlern oder Auffälligkeiten, kann das Kassenpersonal einen stillen Alarm erhalten. Der Kunde bekommt davon nichts mit.
Händler in Deutschland setzen neben Aufsichtspersonal und Ausgangsschranken im Kassenbereich zunehmend auch auf neue Sicherheitstools, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten. Frank Horst, Experte des Handelsforschungsinstituts EHI (Retail Institute, ehemals Euro Handelsinstitut), weiß: "Viele Unternehmen verwenden KI-gestützte Überwachungs- und Analyse-Tools. Die Zahl der Geschäfte, die entsprechend ausgestattet sind, steigt und wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen." Die Systeme würden immer besser und könnten dazu beitragen, Diebstahl und Bedienfehler zu reduzieren.
Laut EHI gibt es hierzulande mindestens 6.000 Geschäfte mit weit über 20.000 SB-Kassen. Viele Handelsketten möchten an den klassischen Kassen zwar festhalten, den SB-Service aber ausbauen – trotz seiner Schwächen.
Es sei davon auszugehen, dass der Ladendiebstahl um 15 bis 30 Prozent höher liege als an bedienten Kassen, sagt Horst. Die Händler verlieren dadurch viel Geld. Entsprechend groß ist das Bedürfnis, sich besser zu schützen.
Der KI-Algorithmus der Software untersucht das Verhalten von Kunden in Echtzeit und identifiziert Auffälligkeiten. Dafür wertet er Videoaufnahmen vom Kassenbereich aus und prüft die Daten, während der Käufer an der SB-Kasse seine Artikel über den Scanner zieht. In bestimmten Fällen werden Alarmmeldungen generiert. Die intelligente Technik kann zum Beispiel erkennen, wenn Artikel nicht gescannt und direkt in die Tasche gesteckt werden. In solchen Fällen ist es möglich, dass auf dem Kassendisplay ein Hinweis angezeigt wird mit der Frage: "Wurde der letzte Artikel gescannt?" Damit sollen Kunden Anreize gegeben werden, einen Fehler zu korrigieren.
Wodka-Flaschen im Wasserkasten
Die KI kann auch andere Anomalien feststellen: Etwa, wenn ein Kunde einen Sekt scannt und anschließend eine Champagner-Flasche in die Schale neben der Kasse legt, oder wenn sich im Wasserkasten Wodka-Flaschen befinden. Wird ein Barcode für Bananen im Wert von 25 Cent eingescannt, daraufhin aber ein Produkt mit einem deutlich höheren Gewicht abgelegt, fällt dies ebenfalls auf.
Die Technik ist ebenso in der Lage zu erkennen, wenn die Zahl der Artikel von Warenkorb und Einkaufszettel deutlich abweicht. Auch eine automatische Alterskontrolle kann mit Hilfe von KI durchgeführt werden. Das Gesicht des Kunden wird dabei gescannt, um sein Alter zu schätzen.
Einer der Technologie-Anbieter ist das deutsch-amerikanische Unternehmen Diebold Nixdorf. Laut Christoph Annemüller, Experte für anwendbare KI im Handel, gibt es mehr als 20 unterschiedliche Fälle. Am häufigsten sind versehentlich und absichtlich nicht erfasste Artikel.
Was bringen die Tools?
Händler können sich die Software auf ihren Bedarf zuschneiden lassen und festlegen, was in bestimmten Situationen passiert, etwa wann Mitarbeiter einen Alarm erhalten oder die Kasse blockiert wird.
Die Technik zu integrieren ist aufwendig. Das System muss angelernt werden, bis es zuverlässig arbeitet und möglichst viele Betrugs-Varianten identifizieren kann. In einer längeren Testphase werden im Laden zunächst Daten gesammelt. Anschließend wird geprüft, ob die KI mit ihren Einschätzungen richtig- oder falschliegt. Anfangs gibt es viele Fehlalarme, nach und nach werden die Erkennungsraten immer besser. Erst wenn die Fehlerquote gering ist, wird die Software scharf gestellt.
Die Software könne die Verluste der Händler um 75 Prozent reduzieren, sagt Annemüller. Die fehlerhaften Transaktionen an SB-Kassen würden von drei auf unter ein Prozent gesenkt. Diebold Nixdorf arbeitet bei dem Thema eigenen Angaben zufolge weltweit mit rund 60 Handelsunternehmen zusammen. Dazu zählen selbstständige Edeka-Kaufleute und die französische Handelsgruppe Groupement Mousquetaires.
Wie viele Händler nutzen oder testen KI?
Eine Umfrage der Deutschen Presseagentur dpa zeigt: Viele Unternehmen wie REWE, IKEA und Rossmann nutzen oder testen intelligente Technik. Eine Überprüfung durch Personal bei IKEA werde etwa veranlasst, wenn ein Kunde Schranktüren scannt, aber keinen Korpus, oder einen Korpus, aber keinerlei Innenausstattung, sagt eine Sprecherin des Möbelhauses. Bis März möchte IKEA in all seinen bundesweit 54 Filialen eine entsprechende Software an SB-Kassen einsetzen.
Einige Unternehmen wie Kaufland, LIDL und die Baumarktkette Obi geben an, den Einsatz von KI zu prüfen. Andere äußern sich zu dem Thema nur zurückhaltend oder gar nicht. Sie wollen öffentlich nichts tun, das Anleitung bieten könnte, ihre Sicherheitstechnik zu umgehen und damit indirekt zum Diebstahl auffordern. Die meisten Händler möchten einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Ladendiebstähle und den SB-Kassen öffentlich nicht bestätigen.
Wie reagieren Kunden?
Viele Unternehmen äußern sich auch nicht zu der Frage, wie Kunden reagieren. Die Erfahrungen seien positiv, Kunden reagierten in der Regel gelassen, wenn Personal zu Hilfe käme, um einen Vorgang zu überprüfen, heißt es von IKEA. Die Checks dienten dazu, Missverständnisse zu vermeiden. Den Einsatz von Kameras im Kassenbereich kommuniziere man über entsprechen-de Hinweise. Laut EHI-Experte Horst kommt es an SB-Kassen zu vielen unbeabsichtigten Fehlern. "Vielen Menschen ist das sehr unangenehm, weil sie den Fehler nicht bemerken."
Die Überprüfung verlaufe datenschutzkonform, die Menschen blieben anonym, versichert Annemüller von Diebold Nixdorf. Die KI-Technologie solle niemanden überwachen, sondern Kunden und Mitarbeiter unterstützen. So sei es nicht mehr nötig, dass Kameraaufnahmen permanent gesichtet werden müssen.
Klassiker für SB-Kassen
Der Smart Store ist seiner Bestimmung nach der Klassiker für Anwendungsfälle von SB-Kassen. Der Verkauf erfolgt völlig ohne Personal, sodass auch menschliche Kontrollen vor Ort entfallen. Teilweise setzen auch Smart Stores auf KI.
Der erste Smart Store war ein Tante-M. Er wurde vor knapp sechs Jahren (im Juli 2019) im baden-württembergischen Grafenberg eröffnet. Seitdem hat sich die Technologie stetig entwickelt und auch Unternehmen aus der Tankstellen- und Conveniencebranche versuchen sich an verschiedenen Konzepten.
Lekkerland testet zum Beispiel die Technologie Grab & Go von AiFi unter der Marke REWE ready an einem EnBW Ladepark im Kamener Karree und seit November vergangenen Jahres Smart Fridges von Reckon.ai in einem Smart Store 24/7 unter der Marke REWE To Go an einem Aral Pulse Ladepark in Mönchengladbach. Ein weiterer Smart-Fridge-Shop von Lekkerland steht an einem EnBW Ladepark in Lichtenau. Und unter der Marke REWE ready betreibt Lekkerland einen geschlossenen Container-Store mit der Technologie von Latebird an einem EnBW Ladepark in Bispingen und im Ionity Ladepark in Rostock.
Weitere Lösungen hat Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel/Food Retail & Studiengangsleiter Retail Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Heilbronn, mit seinem Team in einem Whitepaper zusammengestellt:
- Oest eröffnete im Juni 2024 unter der Marke Oesteria eine geschlossene Lösung von VPS Roberta aus dem Hause Kirschenhofer Maschinen an der unbemannten AVIA Tankstelle in Freudenstadt.
- BK World betreibt in Deutschland bereits acht BK-Lounges an Tesla-Ladeparks. Eine neunte BK World steht an einem Ladepark von Enercity unter der Marke Easy Go Lounge. Die BK World nutzt RFID für die Automaten.
- Q1 Energie testet die Grab-&-Go-Technologie von Autonomo Technologies in Osnabrück.
- PM Pfennings Mobility betreibt 14 unbemannte Tankstellen unter der Marke PM Express mit Automaten. Die Technologie kommt von Twenty4U.
- Die unbemannte Tankstelle von Brämswig in Lohne wurde mit einem begehbaren, unbemannten Container mit Selfscanning ergänzt. Das Konzept stammt von Kesseböhmer Retailsolutions.
- Fastned betreibt eine Smart Fridge-Lösung an einem E-Ladepark in Dinslaken.
Bei Smart Fridges authorisiert der Kunde vorab mit einer Bezahlkarte die spätere Zahlung. Dann kann er die Tür des Smart Fridges öffnen und Produkte entnehmen. Welche das sind, erkennt die Bilderkennung der Computer Vision Technologie (bekannt von Grab & Go). Wenn der Kunde seinen Einkauf – mit dem Schließen der Tür – beendet, wird die Zahlung automatisch vom zuvor hinterlegten Zahlungsmittel abgebucht.