Tankstellen zählen zu den Geschäften, die rund um die Uhr zugänglich sind, was sie nicht nur für Kunden, sondern leider auch für Kriminelle attraktiv macht. Sie sind seit jeher potenzielle Ziele für Raubüberfälle.
Wie sieht die aktuelle Lage in Deutschland aus? Wie oft kommt es zu Überfällen, wie kann man sich davor schützen, und wie verhält man sich im Ernstfall richtig? Ein genauerer Blick auf die Statistiken, Präventionsmaßnahmen und Hilfsangebote gibt Aufschluss über dieses sensible Thema.
Es ist kurz nach Mitternacht in einer Tankstelle am Stadtrand. Johanna M. (Name geändert) sortiert gerade die Zigarettenregale, als die Eingangstür aufgeht. Ein vermummter Mann stürmt herein, zieht eine Waffe und fordert die Herausgabe der Tageseinnahmen. Für die 23-jährige Tankstellenmitarbeiterin werden die nächsten Minuten zum Albtraum – ein Albtraum, den jedes Jahr Hunderte von Angestellten in deutschen Tankstellen durchleben müssen.
Dennoch gibt es auch gute Nachrichten: Überfälle auf Tankstellen in Deutschland zeigen in den vergangenen Jahren einen deutlich rückläufigen Trend. Im Jahr 2023 wurden etwa 680 Raubüberfälle polizeilich erfasst. Obwohl dies einen leichten Anstieg zum Vorjahr darstellt, liegt die Zahl immer noch deutlich unter den Werten früherer Jahre. 2019 verzeichnete man mit 579 Fällen den zweitniedrigsten Stand der vergangenen 30 Jahre. Anne Grote, Managerin für Kommunikation beim bft (Bundesverband Freier Tankstellen), weiß: Wenn man noch weiter zurückschaut, hat sich die Zahl der Tankstellenüberfälle von 2003 zu 2023 sogar halbiert.
Marion Menken, verantwortlich für die Unternehmenskommunikation bei der Deutschen Tamoil, sieht keine Überfall-Schwerpunkte auf bestimmte Bundesländer oder Regionen, sondern eher, dass vermehrt Stationen in Groß- und in Mittelstädten im Fokus stehen. Ein genauer Blick auf die Zahlen bestätigt dies: Größere Städte und Ballungsräume weisen oft höhere Fallzahlen auf als ländliche Gebiete. Besonders in strukturschwachen Regionen oder in Stadtteilen mit hoher Kriminalitätsrate sind Tankstellen häufig Ziel.
Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik zeigen weitere regionale Unterschiede. Zum Beispiel hatte Berlin im Jahr 2020 das höchste Überfallrisiko mit 20 Prozent pro Tankstelle, während Bayern (0,61 Prozent), Thüringen (0,75 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (1,50 Prozent) die niedrigsten Risiken aufwiesen.
Besonders gefährdet sind Standorte in Stadtrandlagen und an Ausfallstraßen. Die Täter suchen sich bewusst Objekte aus, die leicht erreichbar sind und schnelle Fluchtwege bieten. Wie Menken berichtet, war früher hauptsächlich Bargeld im Fokus. Heutzutage haben es die Täter vermehrt auch auf Zigaretten und hochwertige Alkoholika abgesehen. Ein Trend, der sich mit der zunehmenden bargeldlosen Bezahlung erklärt. Grote vom bft erklärt, dass bft-Mitglieder eine Zunahme von Tankbetrug oder Kraftstoffdiebstahl beobachten. Da immer weniger Bargeld in den Kassen sei, lohne sich ein Überfall immer weniger.
Die Aufklärungsquoten variieren ebenfalls stark zwischen den Bundesländern. Laut verfügbaren polizeilichen Daten wurden in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen alle Tankstellenüberfälle im Berichtsjahr aufgeklärt. Die bundesweite Aufklärungsquote lag 2018 bei 65,2 Prozent, was eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr (53,7 Prozent in 2017) darstellt. In Baden-Württemberg lag die Aufklärungsquote bei Tankstellenüberfällen bei 54,8 Prozent, was unter dem Bundesdurchschnitt und auch unter der allgemeinen Aufklärungsquote für Straftaten in diesem Bundesland (62,7 Prozent) liegt.
Die Tankstellenbetreiber haben aufgerüstet. Moderne Videoüberwachung, Wegfahrsperren für Geldkassetten und Nachtschalter gehören oft zur Standardausrüstung. Besonders wichtig ist dabei die Schulung der Mitarbeiter.
"Videoüberwachung ist in diesem Zusammenhang wichtig und für die Ermittlungen relevant, aber auch für die Prävention entscheidend: Sie wirkt abschreckend", erklärt Grote. Eine andere Maßnahme sei der Nachtschalter: Wenn die Besucherfrequenz sinkt, wird je nach Standort und Erfahrungswerten ausschließlich über den Nachtschalter verkauft.
Um Überfälle zu verhindern, setzen Tankstellen neben dem Nachtschalter auf verschiedene Sicherheitsmaßnahmen:
- Videoüberwachung mit sichtbaren Kameras, Hinweise auf deren Nutzung,
- verdeckt eingebaute alarmgesicherte Tresore oder Zeitschloss-Safes,
- Einbruch- und Überfallmeldeanlagen,
- ausreichende Beleuchtung,
- Möglichkeit zur Türverriegelung,
- Sprechstellen an Zapfsäulen und
- Notrufsprechstellen.
Eine weitere wichtige Maßnahme sind Schulungen für Mitarbeiter. Dabei geht es um den Umgang mit potenziell gefährlichen Situationen und Deeskalationstechniken.
Herausfordernd bleibt die hohe Fluktuation von Personal und der Anteil an Minijobbern, die oft nur kurze Einweisungen erhalten. Regelmäßige Trainings und Handlungsanleitungen sind hier essenziell, denn das richtige Verhalten während eines Überfalls kann Leben retten. Die oberste Regel ist ausnahmslos: Das Wohl und die körperliche Unversehrtheit der Mitarbeiter stehen immer an erster Stelle. Entsprechend lautet der Auftrag, auf Forderungen der Täter einzugehen, sich nicht zu widersetzen und die Täter auch nicht an der Flucht zu hindern.
Direkt nach dem Überfall ist schnelles, aber besonnenes Handeln gefragt: Sofort die Polizei alarmieren, die Tankstelle schließen und keine Spuren verwischen. Wichtig ist auch, den Vorgesetzten unmittelbar zu informieren und ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen.
Die psychischen Folgen eines Überfalls können erheblich sein. Viele Unternehmen haben dies erkannt und bieten Nachsorgeprogramme an. Diese umfassen oft psychologische Beratung und Unterstützung bei der Verarbeitung des Erlebten. Auch Kollegen und Vorgesetzte spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung Betroffener.
Dabei werden die psychischen Folgen eines Überfalls oft unterschätzt. "Das A und O für uns ist Prävention. Die Gesundheit von Tankstellenpersonal und Kunden hat höchste Priorität. Deshalb schulen wir unsere Tankstellenpartner regelmäßig und nachhaltig für das richtige Verhalten im Ernstfall", berichtet Menken von der Deutschen Tamoil. Die großen Mineralölkonzerne und Tankstellenverbände haben darauf reagiert und bieten ihren Mitarbeitern psychologische Betreuung an.
Laut Grote vom bft ist ein Überfall immer ein sehr belastendes Ereignis für die Betroffenen, die im Anschluss professionelle Hilfe in der Aufarbeitung benötigen. Für die Dauer der Behandlung gebe es keine Messwerte, dafür sind Menschen zu unterschiedlich beim Umgang mit traumatischen Erlebnissen.
Der Kampf gegen Tankstellenüberfälle bleibt herausfordernd für Betreiber, Mitarbeiter und Sicherheitsbehörden. Moderne Sicherheitstechnik, regelmäßige Schulungen und professionelle Nachsorge bilden dabei die drei Säulen eines umfassenden Schutzkonzepts. Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, kann das Risiko minimiert werden. Obwohl Tankstellenüberfälle nach wie vor ein ernstzunehmendes Problem sind, zeigt der rückläufige Trend, dass die ergriffenen Maßnahmen Wirkung zeigen. Die Kombination aus technischen Sicherheitsvorkehrungen, Mitarbeiterschulungen und effektiver Nachsorge trägt dazu bei, das Risiko zu minimieren und im Ernstfall angemessen zu reagieren. Dennoch bleibt Wachsamkeit geboten, um die Sicherheit von Mitarbeitern und Kunden weiterhin zu gewährleisten.
Für Tankstellenmitarbeiter bedeutet das: Wachsam bleiben, aber nicht in Angst erstarren. Denn trotz aller Risiken verlaufen die allermeisten (Nacht)Schichten völlig friedlich.